Eintracht Frankfurt Trainer Skibbe im Interview

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Herr Skibbe, der gute Start ist verwässert. Ist jetzt das Mittelmaß wieder das Maß der Dinge?

Wir wissen, wo unsere Grenzen sind. Und wir wollten ja in etwa so erfolgreich sein wie im vorletzten Jahr. Also 45 Punkte etwa, Platz neun, zehn. Da haben uns viele schon für verrückt erklärt und gesagt: Das ist eher etwas für das Reich der Fabel. Unsere Punktausbeute bisher liegt aber in etwa in diesem Bereich. Auch die Leistungen waren so. Und wenn man bedenkt, dass diese Platzierung das beste Ergebnis der Eintracht der vergangenen zehn Jahre war, dann ist das für die Eintracht Spitze und nicht Mittelmaß.

Haben Sie Angst, in akute Abstiegsgefahr zu geraten?

Nein, es kann ein bisschen runter- und minimal raufgehen. Aber die Konkurrenz, die um uns herum steht, wird bis zum Schluss unsere Konkurrenz bleiben. Der Anschluss nach oben ist vielleicht punktuell mal möglich, aber nicht dauerhaft.

Klingt nach Ernüchterung.

Nein. Wir sind zuletzt auf Mannschaften getroffen, die besser sind als wir. Mannschaften, die schnellere Spieler haben, bessere Einzelspieler und einfach stärker in der Offensive sind. Gegen diese Teams können wir uns nicht so gut verkaufen. Oder bei uns muss alles passen. Deshalb sind wir aber nicht desillusioniert. Im Gegenteil. Man muss eine Vision haben. Die Frage muss lauten: Was kann ich aufbauen mit der Mannschaft? Und da müssen wir in den nächsten ein, zwei Jahren daran arbeiten, dass wir uns aus dieser Mittelfeldposition nach oben verbessern. Das ist nur möglich, wenn wir unsere Spieler weiterentwickeln und gute neue Spieler hinzugewinnen. Da, wo wir Schwachpunkte sehen, müssen wir Umbesetzungen vornehmen.

Die aktuellen Spieler stoßen demnach an ihre natürlichen Grenzen?

Klar. Wir haben Spieler in der Mannschaft, die gehobenen Bundesligaansprüchen gerecht werden. Patrick Ochs etwa, bei dem man hoffen kann, dass er noch einen weiteren Schritt machen wird. Das gilt auch für Marco Russ. Wir hoffen, dass Chris und Christoph Spycher noch ein, zwei Jahre ihr gutes Bundesliganiveau halten können. Und wir hoffen, dass Ioannis Amanatidis gesund bleibt und Martin Fenin gesund wird. Dann haben wir vorne eine gefährliche Doppelachse. Und wir brauchen zwei, drei Spieler, die uns voranbringen.

Spieler wie Lincoln…

Ich will nicht auf dem Thema Lincoln herumkauen. Aber er hätte ad hoc geholfen, dass die Eintracht besser wird. Und wenn wir besser werden wollen, müssen wir Spieler der Kategorie Lincoln für uns gewinnen. Das müssen die nächsten Transfers sein. Wir müssen uns an dem Niveau unserer besten Spieler orientieren. Solche Spieler müssen wir holen. Ansonsten stoßen wir an die natürlichen Grenzen, die wir nicht überwinden können.

Wird Lincoln im Winter noch mal ein Thema?

Das weiß ich nicht, er ist meines Wissens nicht transferiert worden, weshalb er noch mal ein Thema werden könnte. Dann muss man halt sehen, ob das darstellbar ist, ob das machbar ist für die Eintracht und auch für ihn. Jetzt konnten wir das Paket nicht stemmen, aber es war nicht so, dass Lincoln unverschämte Forderungen erhoben hätte. Porzellan ist jedenfalls keines zerschlagen worden.

Lincoln hätte die kreative Lücke schließen sollen. Ihrer Mannschaft fehlen Ideen und Esprit. Was wollen Sie dagegen tun?

Ich sehe eine gute Entwicklung bei Spiel- und Ballkontrolle. Wir haben gerade auswärts oft gute und lange Ballpassagen, wo wir auch mutig versuchen, uns zu befreien. Aber wir schaffen es nicht, den Ball in der Spitze zu halten und dann auch nachzurücken. In Bremen ist uns das gelungen. Aber da waren wir komplett und hatten ein gutes Gerüst im Mittelfeld. Chris ist unser Schlüsselspieler, wenn er im Mittelfeld dabei ist, dann rücken die anderen automatisch weiter nach vorne.

Die Mannschaft steht zu tief?

Ja, und dadurch können die Spieler nur sehr schwer Anschluss nach ganz vorne gewinnen. Deshalb verlieren wir die Bälle vorne schnell. Wir wollen das abstellen, aber solange Chris in der Innenverteidigung spielen muss, ist das nicht leicht. Denn mit Chris im Mittelfeld bekommen wir die anderen Spieler, Selim Teber und Pirmin Schwegler etwa, in offensivere Positionen. Da haben sie deutlich mehr Anschluss nach vorne, weil die Wege nach vorne nicht so weit sind.

Caio hingegen ist nicht die prägende Gestalt. Er ist wieder in seinen alten Trott zurückgefallen. Bringt er´s einfach nicht?

Er hat viel Entwicklungspotenzial, aber man muss mit ihm auch unglaublich viel Geduld haben. Es ist auf jeden Fall ein Missverhältnis zwischen Erwartungshaltung, die wir alle haben, und Leistungsfähigkeit, die er im Moment zeigt. Er ist ein guter Fußballer mit einem sehr guten, platzierten, harten Schuss. Aber Spielschnelligkeit, Tempo im Spiel, Umschalten von Offensive auf Defensive und Defensive auf Offensive – das geht für ihn in der Bundesliga einfach noch zu schnell. Das wird er sicher noch lernen, aber das wird noch dauern. Er ist bei weitem noch kein gestandener Spieler, der das Bundesligatempo von A bis Z gehen kann. Er hat noch viel zu lernen, er ist sicher nicht geradlinig in seiner Entwicklung. Er ist nicht auf einem Niveau, um wirklich helfen zu können, zumindest nicht in dem Maße, in dem man sich das bei seiner Verpflichtung erhofft hatte.

Ein anderes Problem ist das fehlende Tempo im Spiel. Die Eintracht-Spieler sind nicht schnell genug. Was kann man da tun?

Auf Schalke hat man gesehen, dass wir drei, vier vielversprechende Kontersituationen hatten, die wir nicht zu Ende fahren konnten, weil wir einfach abgelaufen wurden. Das ist natürlich schlecht. Wenn man im Umkehrschluss sieht, wie beim HSV Elia abgeht oder bei Schalke Rafinha oder Farfan, dann ist das schon eine andere Nummer. Deshalb müssen wir viel übers Kombinationsspiel kommen. Das ist ja auch über weite Strecken gut, aber wenn es dann in den Endbereich, ganz vorne in den Angriff geht, dann wird es für uns natürlich noch mal schwieriger, weil wir nicht den letzten guten Pass spielen, nicht die nötigen Schnelligkeit haben und auch nicht das Eins gegen Eins-Spiel so drauf haben. Sehen Sie sich Farfan an: Der ist schnell, dribbelstark, der geht ab. Das fehlt uns.

Wie weit kann man Schnelligkeit trainieren?

Man kann nur das Spieltempo verbessern. Man kann nicht die persönliche Schnelligkeit eines einzelnen Spielers wirklich verbessern. Man kann ein bisschen was über Krafttraining machen, und Kraft dann in Geschwindigkeit umsetzen. Aber da sind dann wirklich natürliche Grenzen. Ich sage es mal so: Patrick Ochs hat´s. Sebastian Jung hat´s. Andere haben es eben nicht. Man kann ganz wenige Prozente durch Training rausholen, aber da die anderen das ja auch machen, bleibt der Abstand gleich. Es ist halt so: Ein Laufduell Heiko Westermann gegen Markus Steinhöfer – das wird Steinhöfer verlieren. Daran wird sich auch nichts ändern.

Aber im modernen Fußball ist Schnelligkeit doch enorm wichtig.

Absolut. Sehen Sie sich Messi an. Wenn der nur halb so schnell wäre, würde der überall spielen, aber nicht in Barcelona. Und Thierry Henry hätte niemals so eine Karriere gehabt, wenn er nicht so schnell laufen könnte. Wenn Schnelligkeit fehlt, ist da eine Grenze hin zur Spitze, die kaum zu überwinden ist. Man kommt dann bis zu einem gewissen Punkt – und dann geht es nur noch für andere weiter. Wir werden deshalb auch in Zukunft darauf achten, Spieler zu verpflichten, die das nötige Tempo mitbringen.

Herr Skibbe, die Eintracht liegt in der Fair-Play-Wertung auf Rang 18. Das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Wir spielen insgesamt nicht unfair. Wir sind keine Tretertruppe. Wir hatten keine Tätlichkeit, keine Prügelei. Aber wir sind ab und an einen kleinen Schritt zu spät gekommen, weil vielleicht auch die Spielschnelligkeit fehlt. Aber es war immer das Bemühen da, den Ball zu spielen. Nur Patrick Ochs hat in Köln schon sehr rüde Foul gespielt und zu Recht die Rote Karte gesehen. Aber er wird daraus seine Lehren ziehen.

Interview FR-online

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